<h3>Fremde Kämpfer</h3>Der Kreml behauptet, dass die Konflikte in den ostukrainischen Gebieten Donezk und Lugansk mit einem spontanen Volksaufstand begannen. Tatsächlich gab es dort bereits im März 2014 erste Protestzüge. Die Demonstranten hatten kurzzeitig Regierungsgebäude eingenommen, mussten sie aber schnell wieder räumen. <br /><br />Mitte April folgte eine neue Protestwelle – dieses Mal unter anderen Vorzeichen. In mehreren Städten, beispielsweise in Slawjansk, besetzten <b>unbekannte Kämpfer</b> Stadtverwaltungen und Polizeistationen. Laut dem Bericht stürmten kleine, professionelle Teams die Gebäude und verteilten Waffen an Einheimische. Im Donbass übernahmen <b>russische Staatsbürger</b> wie Igor Strelkow, ehemaliger Kämpfer des russischen Militärgeheimdienstes GRU, und Alexander Borodaj die Führung. „In dieser Phase war der Kreml noch vorsichtiger, um noch plausibel eine Beteiligung abstreiten zu können“, heißt es im „Interpreter“-Bericht. Das sollte sich bald ändern.
<h3>Geheime Leichentransporte</h3>Am 25. Mai, als Petro Poroschenko zum ukrainischen Präsidenten gewählt wurde, sagten bewaffnete Kämpfer in Donezk Journalisten, dass sie aus Tschetschenien kämen und für das <b>„Wostok“-Bataillon</b> kämpften. Am nächsten Tag stürmte diese Einheit den modernisierten Flughafen von Donezk. Ukrainisches Militär schoss aus der Luft zurück. Mehr als 30 Kämpfer sollen bei diesen Gefechten ums Leben gekommen sein, wie der Separatistenführer Borodaj sagte. Die russische Zeitung „Nowaja Gaseta“ schrieb über den Transport von <b>31 Leichen </b>zurück nach Russland. <br /><br />Erste Indizien und Beweise dafür lieferte die Fotoreporterin Maria Turtschenkowa in einem Bericht für den Radiosender Echo Moskau. Sie begleitete den Transport der Toten nach Russland – Separatisten hatten sie darum gebeten. Mehrere Namen wurden bekannt, Journalisten der „Nowaja Gaseta“ konnten anschließend einige der toten Kämpfer identifizieren – darunter unter anderem einen ehemaligen russischen Soldaten und einen ehemaligen russischen Polizisten. <b>Leichentransporte nach Russland</b> wurden zu späteren Zeitpunkten erneut dokumentiert. „Cargo 200“ werden sie genannt. Schätzungen zufolge sind mehrere Hundert russische Kämpfer in der Ukraine ums Leben gekommen.
<h3>Falsche Panzer</h3>Anfangs achtete man tatsächlich darauf, dass die Waffen der Separatisten zumindest theoretisch aus dem Bestand der ukrainischen Armee stammen könnten. Und in der Tat hatten die Separatisten zu Beginn des Konflikts Schützenpanzer erobert. Das erklärte aber nicht die anschließenden kriegerischen Erfolge. Der Wendepunkt in der technischen Ausrüstung kam laut dem „Interpreter“-Bericht Mitte Juni. <br /><br />Am 12. Juni filmten die Einwohner der Ostukraine drei <b>T-64-Panzer</b> im Gebiet Donezk nahe Sneschnoje und Tores. Drei Tage zuvor hatte die kremlnahe Webseite politikus.ru kurz berichtet, dass die Separatisten drei T-64 in der Nähe von Lugansk erobert hätten – eine offizielle Bestätigung gab es dafür nicht, niemand griff die Nachricht auf. Die dann gesichteten drei Panzer hatten allerdings <b>keine Markierung des ukrainischen Militärs</b>, und ihr Farbmuster unterschied sich stark von dem der Armee Kiews. Die Zahl der T-64-Panzer im Besitz der Separatisten nahm fortan stetig zu. <br /><br />Im Verlauf des Sommers 2014 gab man sich immer weniger Mühe, die Strategie der Täuschung auch konsequent durchzuhalten. Die Separatisten nutzten fortan auch die <b>Modelle T-72BA und T-72B3</b>, die Kiew nicht im Bestand und die Russland offiziell nie ins Ausland exportiert hatte. Satellitenaufnahmen und Bilder in sozialen Netzwerken legen nahe, dass Moskau diese schweren Waffen in Militärkonvois über die Grenze brachte.
<h3>Fehlende Rakete</h3>Zu Beginn der sogenannten Anti-Terror-Operation im April 2014 hatte die ukrainische Armee einen klaren Vorteil in der Luft. Sie nutzte Hubschrauber und Kampfflugzeuge, um die Positionen der Separatisten anzugreifen. Zunächst konnten die prorussischen Kämpfer nur Hubschrauber und tief fliegende Flugzeuge mit Manpads (Einmann-Boden-Luft-Raketen) abschießen. Das änderte sich angesichts der zunehmenden Erfolge der ukrainischen Luftwaffe aber schnell.<br /><br />Am 14. Juni wurde bei Lugansk ein ukrainischer Transportflieger abgeschossen, 49 Menschen starben. Am 2. Juli wurde dann zum ersten Mal ein größeres Luftabwehrsystem auf einem gepanzerten Fahrzeug gesichtet – eine<b> Strela 10</b>. Als Indizien und Beweise führt der Report Fotografien und Berichte über die Sichtung eines größeren Konvois dieser Systeme nahe der Stadt Lugansk auf. Kurz darauf wurden auch Luftabwehrsysteme des Typs Osa gesichtet. Am 14. Juli traf ein Geschütz der Separatisten ein Transportflugzeug in der Höhe von 6500 Metern. <br /><br />Dann geschah die bislang größte Katastrophe: Das <b>Passagierflugzeug MH17</b> wurde auf 10.000 Meter Höhe getroffen. Russland bestreitet bis heute, etwas mit dem Abschuss zu tun zu haben. Doch die Beweislage ist erdrückend: Kurz zuvor war ein Transporter mit vier <b>Buk-Luftabwehrraketen</b> in Videos und Bildern auf der russischen und dann auf der ukrainischen Seite der Grenze festgehalten worden. Am Tag nach dem Abschuss kehrte derselbe Transporter mit nur noch drei statt vier Raketen nach Russland zurück, wie Videos zeigen. All das wurde bereits von Recherchenetzwerk Bellingcat dokumentiert.
<h3>Verirrte Fallschirmjäger</h3>Obwohl vieles dafür spricht, dass die Separatisten von russischer Seite allmählich aufgerüstet wurden, konnte die ukrainische Armee bis Mitte August viele Schlachten gewinnen. Sie eroberte auch die lange Zeit besetzte Stadt Slawjansk zurück. Eine Niederlage der Separatisten zeichnete sich ab. <br /><br />Doch dann kippte die Situation innerhalb weniger Tage: Auf einmal konnten die Kämpfer eine Gegenoffensive starten – mithilfe von regulären russischen Einheiten, die über die Grenze kamen, wie vielfach dokumentiert ist. Ende August wurden ukrainische Truppen in der Stadt Ilowajsk umzingelt. Als sie versuchten auszubrechen, fielen mehrere Hundert ukrainische Soldaten. Allerdings konnte die ukrainische Armee auch <b>zehn russische Fallschirmjäger aus Kostroma</b> zwischen Ilowajsk und der Landesgrenze festnehmen. Nach russischen Angaben sollen sich die Männer „verlaufen“ haben. Im Süden hatten die Separatisten auf einmal die Kraft, eine zweite Front am Asowschen Meer zu eröffnen und die Stadt Nowoasowsk vor Mariupol zu erobern. <br /><br />Kurz nach dieser Offensive tauchten in Russland erneut <b>Berichte über tote russische Soldaten</b> auf, die beigesetzt wurden. Die ersten Meldungen kamen aus dem russischen Pskow. Stadtrat Lew Schlossberg, der über die Beerdigungen schrieb, wurde krankenhausreif geprügelt. Dem ukrainischen Präsidenten Poroschenko blieb angesichts der vielen Verluste keine andere Wahl, als die Offensive der ukrainischen Armee zu stoppen und in Minsk einen Waffenstillstand zu vereinbaren.
<h3>Die Artillerie von Debalzewe</h3>Trotz des Waffenstillstands, der in Minsk beschlossen worden war, kam es fortwährend zu Kämpfen. Im Februar trafen sich die Regierungschefs von Deutschland, Frankreich, Russland und der Ukraine erneut zu Verhandlungen in Minsk, die in einem zweiten Friedensabkommen mündeten. Doch noch bevor dieses in Kraft trat, eroberten die Separatisten die ostukrainische Stadt Debalzewe. Tausende ukrainische Soldaten wurden dort mitten im Winter eingekesselt. Die anschließende Eroberung war nur <b>mithilfe russischer Truppen </b>möglich. <br /><br />Indizien dafür gibt es mehrere: In der Umgebung von Debalzewe wurden erneut <b>Panzer des Typs T-72B3</b> gefilmt, die nur die russische Armee besitzt. Außerdem ist in dem „Interpreter“-Bericht die Rede von mehreren Journalisten, die Soldaten aus dem sibirischen Burjatien begegneten. <br /><br />Die Moskauer „Nowaja Gaseta“ schrieb über einen schwer verletzten Soldaten aus der Region, der sich im Krankenhaus von Donezk befand und nach eigenen Angaben zur 5. Panzer-Brigade aus Ulan-Ude in Burjatien gehörte. Seine Einheit habe am 8. Februar die Grenze zur Ukraine überquert, sagte er der Zeitung. Die Soldaten hätten die Abzeichen ihrer Panzer übermalt und seien in die Schlacht gezogen.
<h3>Camp vor Mariupol</h3>Die Separatistentruppen kamen nach der Offensive im Winter kurz vor der Küstenstadt Mariupol zum Stehen. Monatelang schien es so, als würden sie jeden Moment die Industrie- und Hafenstadt erobern. Russische Soldaten richteten ein <b>Trainingslager zwischen Donezk und Mariupol </b>ein. Das zeigen Fotos, die sie selbst in sozialen Netzwerken veröffentlicht haben. Diese Beweise haben unter anderem die ukrainische Webseite Informnapalm und die Blogger von Bellingcat gesammelt. <br /><br />Eine Offensive sei demnach immer möglich. Zurzeit sieht es allerdings nicht danach aus. Die Pläne, „Neurussland“ bis auf die Krim auszudehnen, hat der Kreml erst einmal auf Eis gelegt. Der russische Präsident Wladimir Putin hat schon seit Längerem nicht mehr von dem imperialen Konstrukt „Neurussland“ gesprochen, sondern scheint sich derzeit wieder dem Westen annähern zu wollen.
www.welt.de 95,5 Prozent Zustimmung: Die Bewohner der ukrainischen Halbinsel Krim haben sich für den Beitritt zu Russland entschieden. US-Präsident Obama droht Russlands Präsident Putin mit weiteren Sanktionen.
www.welt.de Bei dem von prorussischen Separatisten in der Ostukraine abgehaltenen Referendum haben in Donezk nach Angaben der Organisatoren 89 Prozent der Teilnehmer für die Abspaltung von Kiew gestimmt.
www.welt.de Pro-Europa-Kandidat holt 56 Prozent der Stimmen. Julia Timoschenko landet abgeschlagen auf Platz 2. Vitali Klitschko wird Bürgermeister von Kiew. Klare Entscheidung könnte dem Land Stabilität bringen.
www.welt.de Die Bilder sind verstörend: Ein YouTube-Video zeigt offenbar die ersten Minuten nach dem Absturz der MH17. Prorussische Separatisten sollen es gedreht haben. Auch Gespräche sind darauf zu hören.
www.welt.de Waffenruhe, Amnestie für Separatisten und Gefangenenaustausch - insgesamt umfasst die von den Konfliktparteien unterzeichnete Vereinbarung 13 Punkte.
www.welt.de Es klingt wie ein Durchbruch: In der Ostukraine schweigen vorerst die Waffen. Doch Präsident Poroschenko hat einen Deal gemacht, der ihn das Amt kosten und Putin einen Sieg bringen könnte.
www.welt.de Die Explosion am Montag vor dem Parlament war der Höhepunkt der Gewalt ukrainischer Nationalisten. Trotzdem wird die seit Dienstag bestehende Waffenruhe in der Ostukraine bislang eingehalten.

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