Im Schützengraben
Im Schützengraben Wer die Schlacht von Verdun miterleben musste, nannte sie „Blutpumpe“, „Knochenmühle“ oder ganz einfach „die Hölle“. Die Schlacht von Verdun, die zwischen dem 21. Februar und dem 19. Dezember 1916 an der Westfront stattfand, kostete nach aktuellen Schätzungen 700.000 Soldaten das Leben und ist zu einer Metapher geworden für den zermürbenden und aufreibenden Stellungskrieg, in dem der Erste Weltkrieg lange Jahre feststeckte. Die Soldaten standen tagein, tagaus in den Schützengräben der zerfurchten Landschaft, während von allen Seiten unter großem Donner die Geschosse der Geschütze einschlugen und das aufspritzende Erdreich die Männer manchmal vollständig unter sich begrub. Noch immer ist umstritten, warum es überhaupt zu dieser Schlacht kam, nach deren Ende sich der Frontverlauf nicht wesentlich verändert hatte. Als wichtige Fährte galt lange Zeit das „Weihnachtsmemorandum“ des Generals Erich von Falkenhayn, in der dieser dem Kaiser gegenüber von einer „Ausblutungsstrategie“ sprach, der zufolge es nur um die Dezimierung des Gegners ging. Manche Historiker sehen darin nur den verlegenen Versuch, einen katastrophalen militärstrategischen Fehler im Nachhinein zu legitimieren. Die Schlacht brannte sich tief in das historische Gedächtnis ein. static.apps.morgenpost.de
Steglitzer Wandervögel Eigentlich hätte ihnen der Krieg abscheulich sein müssen. Die jugendliche Wandervogel-Bewegung, die 1914 reichsweit zehntausende Anhänger zählte, war 1896 in Berlin-Steglitz ja gerade aus dem Geist heraus entstanden, sich erschöpft von den Strapazen der Industrialisierung ab- und der Natur zuzuwenden, um dort in Wanderfahrten, Volksliedern und Lagerfeuergeschichten neuen Lebenssinn zu finden. Dementsprechend war der Habitus des typischen Wandervogels auch nicht soldatisch oder streng. „Ein brauner dreckiger Kerl“, schilderte ein Zeitgenosse das Auftreten, „mit einem Schlapphut, ein paar grün-rot-goldenen Bändern irgendwo, den Rucksack auf dem Buckel, draußen einen rußigen Kochtopf und auf der Schulter eine Guitarre“. Mit stählernem Helm im Schützengraben? Für einen Wandervogel war das eine absurde Vorstellung – eigentlich. Und doch stimmten die Wandervögel mit irritierender Begeisterung in den Chor der Kriegsbefürworter 1914 ein. Die Bewegung definierte sich zwar selbst als unpolitisch, „sie war aber“, wie der Historiker Gerhard Ille geschrieben hat, „eingebunden in die allgemeine konservativ-bürgerliche Ideologie von Patriotismus und Vaterlandsliebe“. Hinzu kam die Stilisierung des Krieges zum „reinigenden Gewitter“ gegen die Dekadenzerscheinungen der westlichen Kultur, die den jungen Wandervögeln attraktiv erschien. Als „Feldwandervogel“ zogen 1914 Tausende Mitglieder in den Ersten Weltkrieg, viele von ihnen kehrten nicht zurück. 236 davon kamen aus Steglitz, ein Drittel starb, der Rest kehrte traumatisiert und resigniert von Europas Schlachtfeldern zurück. static.apps.morgenpost.de
Europa 1916 Die Westfront verlief im Kriegsjahr 1916 auf einer Länge von rund 750 Kilometern vom Ärmelkanal bis zur Schweizer Grenze. Die Oberste Heeresleitung um General Falkenhayn hatte nach der Marneschlacht und dem sich schon lange hinziehenden Stellungskrieg auf einen Befreiungsschlag gesetzt und deshalb die Großoffensive bei Verdun gestartet. Dabei war der militärstrategische Wert der Stadt eher unwesentlich – der symbolische Aspekt dafür aber umso schwerwiegender: Verdun hatte für alle Franzosen eine lange Geschichte als Bollwerk gegen Eindringlinge aus dem Osten. static.apps.morgenpost.de
Aufmunterer Nervennahrung für den Schützengraben. „Kola-Dultz gibt Mut und frohe Laune“, wirbt die Berliner Firma Max Dultz aus Kreuzberg für ihre Tabletten. Für Krieger gibt es sie zum halben Preis: 100 Stück für 2,50 Mark. „So etwas wie eine Kokain-Pille“, sei Kola-Dultz gewesen, schreibt der Medizinhistoriker Heinz-Peter Schmiedebach. 1916 wird sie in Österreich-Ungarn verboten. „Großkurpfuscherei.“ static.apps.morgenpost.de
Jüdische Frontsoldaten 1916 war die soldatische Begeisterung über den Kriegsausbruch 1914 nur noch eine ferne Erinnerung. Für jüdische Soldaten war der Fronteinsatz eine willkommene Gelegenheit, ihren angeblichen Mangel an Patriotismus zu widerlegen. In der Historiographie wird darüber gestritten, wie willkommen die geschätzt 85.000 Soldaten jüdischen Glaubens in den Reihen des deutschen Heeres waren. Dass der preußische Kriegsminister Adolf Wild von Hohenborn 1916 den Anteil der jüdischen Kämpfer statistisch erheben ließ, wird oft als Indiz für sich verstärkenden Antisemitismus in der deutschen Militärführung gewertet. 12.000 jüdische Soldaten verloren im Ersten Weltkrieg ihr Leben.

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